Wie geht es syrischen Kindern in Bodrum?

Foto: Bodrum Humanity
Anna Maria Corazza Buildt aus Schweden, reiste mit einer Delegation der Assoziation for Solidarität with Asylum Seekers and Migration an und besuchte Bodrum Humanity. V.li.: Volontärin Ellie aus Australien, Volontärin Jacqueline Jane Bartels aus Deutschland, Volontär Amr Wali aus Syrien (Homs), Anna Maria Corazza Buildt, Bodrum-Humanity-Gründerin Ayça Kubat, Atıl Yusuf Şahin, Sera Şimşir Asam und Erhan Burak Önce aus Izmir.

Anna Maria Corazza Bildt, EU-Parlaments-Mitglied, zu Besuch bei Bodrum Humanity:

«Um direkte Hilfe leisten zu können, müssen wir die Flüchtlingssituation in der Türkei besser kennen!»

Sie reiste aus Stockholm an, um sich persönlich einen Eindruck über die Flüchtlingssituation in Bodrum zu machen: Anna Maria Corazza Bildt (63). Sie ist Mitglied des Europäischen Parlaments. Die in Rom geborene Politikerin kam in Begleitung der Assoziation for Solidarity with Asylum Seekers and Migration – Atıl Yusuf Şahin, Sera Şimşir Asam und Erhan Burak Önce. Sie hat sich für nur einen Tag sehr viel vorgenommen, um sich ein objektives Bild über die Flüchtlingssituation an der Ägäis zu machen. Bereits in den frühen Morgenstunden twitterte Anna Maria Corazza Bildt:

Anna Maria Corazza Buildt twitteret bereits am frühen Morgen, dass sie in Bodrum ist...
Anna Maria Corazza Buildt twitteret bereits am frühen Morgen, dass sie in Bodrum ist…

«Für Kinder sollte Europa Sicherheit und Schutz bedeuten»

Anna Maria Corazza Bildt Interesse gilt vor allem den Flüchtlingskindern in Europa: „Sie bedürfen unserer besonderen Aufmerksamkeit und Hilfe! Die Intergruppe für Kinderrechte ist ein parteiübergreifendes Gremium, das gemeinsam mit der Zivilgesellschaft die Rechte der Kinder auf die Agenda der EU setzt. Es ist das einzige Gremium innerhalb des Europäischen Parlaments mit ausdrücklichen Zuständigkeiten für Kinder. Wir haben Schwerpunkte in parlamentarischen Ausschüssen setzen können. Unsere Arbeit basiert auf dem Kinderrechtsmanifest, das zusammen mit 15 Organisationen geschaffen wurde, um die Kräfte zur Förderung und zum Schutz der Kinderrechte und der UN-Konvention über die Rechte des Kindes aufzunehmen. Wir arbeiten eng mit der Kommission zusammen. UNICEF ist an unserer Seite in Brüssel. Unser Motto ist, dass unser Interesse zum Wohle des Kindes gilt“, erklärte uns die schwedische Politikerin.

Bei einem gemeinsamen Rundgang auf dem Oyder-Gelände auf dem sich Bodrum Humanity befindet, staunte Anna Maria Corazza Bildt nicht schlecht, über unseren unermüdlichen ehrenamtlichen Einsatz für Flüchtlinge, welche sich in Bodrum aufhalten.

Reger Austausch mit Anna Maria Corazza Bildt bei türkischen Tee und Gebäck

Mehr als 600 syrische Flüchtlinge leben in der ÄGÄIS-Region Muğla. Seit März 2016 bekommen Neuankömmlinge keine Duldung oder Aufenthaltsgenehmigung mehr erteilt, wenn sie beispielsweise über ein Drittland wie Beirut in die Türkei einreisen. Die Begründung der Migration-Polizei in Muğla: „Diese Länder sind sicher, so dass der Flüchtling dort einen Asylantrag hätte stellen können.“ Die Realität: Flüchtlinge dürfen sich tatsächlich nur im Transfer maximal zwölf Stunden in Beirut aufhalten!

Eine schlechte Erklärung, denn es gibt seit fünf Jahren keinen Direktflug mehr aus Syrien in die Türkei. Vor allem Frauen mit Kindern ziehen aus Sicherheitsgründen die Flucht mit dem Flugzeug vor. Oftmals sind ihre Männer bereits vor einem Jahr zu Fuss aus Syrien nach Deutschland geflohen. Die Frauen waren erst bereit, ihre Heimat mit den Kindern zu verlassen nachdem Bomben und Kugelhagel auch die Gesundheit ihrer Kinder und sie selbst bedrohte.

Ohne Erteilung der Duldung keinerlei Ansprüche auf Integration

Die beiden Studenten Amr Wali (25) und Freund Ghaith Ibrahim (24) aus Homs reisten vor elf Monaten mit dem Auto nach Libyen um von dort nach Adana zu fliegen. Allerdings liessen die Sicherheitsdienste trotz vorhandener und gültiger Tickets und Reisepässe die beiden Studenten nicht fliegen. Begründung: „Sie stehen nicht auf der Liste der Passagiere!“ Im Klartext: Tickets werden zwar verkauft, fliegen dürfen Syrer von Libyen nicht. Daraufhin fuhren die beiden Studenten rund 3595 Kilometer nach Beirut und kauften sich dort zwei neue Tickets. Da sie den ersten Flug verpassten, mussten sie zwölf Stunden auf den Anschlussflug nach Adana warten. Dort angekommen, flogen sie weiter nach Izmir. Von hieraus nahmen sie den Bus nach Bodrum. Amr erklärte Anna Maria Corazza Bildt: „Seit dem bemühen sich Ghaith und ich um eine Duldung in Bodrum. Dafür sind wir bereits zwei Mal nach Muğla, die Kreishauptstadt von Bodrum, zur Migration-Polizei gefahren. Vergebens! Wir wurden mit der Begründung abgewiesen: „Sie sind über ein sicheres Drittland eingereist. Damit haben sie in der Türkei keinerlei Ansprüche auf Aufenthalt.“

Im Klartext: Keine Arbeitserlaubnis. Kein Mietvertrag. Keine Krankenversicherung. Nichts! So geht es aktuell den meisten Syrern, welche seit März 2016 nach Bodrum kommen. Beide Studenten engagieren sich ehrenamtlich für Bodrum Humanity viele Stunden in der Woche. «Hilfe zur Selbsthilfe» – ein Motto von Bodrum Humanity aber auch von der Berliner Hilfsorganisation Be an Angel e.V. 
Auf diese Weise  erfahren die beiden Studenten direkte Unterstützung durch Bodrum Humanity. Eine Engländerin spendet das Geld für drei weitere Monate für je ein einfaches Zimmer in einer Pension für Amr und Ghaith. Kosten pro Monat pro Student: 300 TL. „Wie es weiter gehen wird für die beiden Studenten“, will die Politikerin wissen.
„Das wissen wir nicht“, antwortet Amr ernst.

 

Wer eine Duldung erhält, bekommt kein Geld vom Staat

Viele glauben, egal ob in Europa oder in der Türkei, dass Flüchtlinge mit einer Duldung Geld vom Staat erhalten. Dem ist tatsächlich nicht so. Mit der Duldung erhalten Flüchtlinge lediglich das Recht, bei Krankheit das Staatliche Krankenhaus aufsuchen zu können und sie dürfen arbeiten. Die Jobs, die sie an der Ägäis angeboten bekommen, sind vor allem Hilfsjob. Zwölf Stunden Gartenarbeit sechs Tage die Woche für 250 TL (70 €) im Monat. Es passiert nicht selten, dass die Flüchtlinge noch nicht einmal ihren Lohn ausgezahlt bekommen.

In der Türkei herrscht Schulpflicht. Das gilt auch für Flüchtlingskinder! So weit so gut. Die Realität: Eltern ohne Duldung erhalten keine Genehmigung von den Schulbehörden, um ihre Kinder einschulen lassen zu können. Begründung: Fehlt die offizielle Duldung mit der wichtigen Registration und Erteilung eines Ausweises mit einer 998- oder 999-Nummer, sind Flüchtlingskinder schwer benachteiligt. Ein Teufelskreis!

Viele syrische Kinder müssen arbeiten!

Unabhängig davon: Viele Väter verdienen so wenig, dass sie ihre Söhne oftmals mit zur Arbeit nehmen müssen, um am Ende des Tages mehr Geld für die Familie zu haben. Meistens sind die Jungs erst elf Jahre alt. Kinderarbeit ist auch in der Türkei verboten. Aber: Wo kein Kläger, da kein Schutz. Die Behörden schauen weg, weil sie wissen, dass Flüchtlingsfamilien auf jede Lira angewiesen sind. Ayla Kubat sagt: „Wir haben Flüchtlingsfamilien, die eine Duldung besitzen. Oftmals haben sie aber nicht genug Geld, um alle Kinder zur Schule zu schicken. Meistens dürfen zwei Kinder die Schule besuchen und zwei müssen dem Vater bei der Arbeit helfen. Das liegt vor allem daran, dass die Schulwege in Bodrum weit sind. Syrische Familien können sich unmöglich täglich das Busgeld für ihre Kinder leisten. Es ist ein Teufelskreis. Wer sich an uns wendet, erfährt direkte Hilfe. Trotzdem: Schulbücher, Schulranzen, Schul-Uniformen – das alles koste Geld. Geld, das Flüchtlinge nicht haben. Wir haben gerade 16 Schultornister und Federmappen gespendet bekommen, um wenigstens einigen Kindern einen leichteren Start in die Schule ermöglichen zu können.“

Für Anna Maria Corazza Bildt sind das alles sehr wichtige Informationen, die sie mit nach Schweden und nach Brüssel nimmt: „Besonders sympathisch finde ich es, dass so viele verschiedene Nationen aus Amerika, Pakistan, Australien, Deutschland, England, Schottland, Dänemark, Belgien und Türkei gemeinsam bei Bodrum Humanity den syrischen Flüchtlingen helfen“, sagte Anna Maria Corazza Bildt. „Ich bin allen sehr dankbar für diesen intensiven Einblick.“

Der Winter steht vor der Türe – auch an der Ägäis

Viele Flüchtlinge leiden Hunger. Bodrum Humanity Volontäre kochen für Flüchtlinge und organisieren Lebensmittel-Pakete. Flüchtlinge, die kein Dach über den Kopf haben, versorgen wir mit den notwendigsten Dingen wie Decken, Anziehsachen, Windeln, Babynahrung und -Milch, Hygieneartikel und vieles mehr. Ebenso ermöglichen wir Arzt-Besuche und Krankenhaus-Aufenthalte bei Notwendigkeit. Bodrum Humanity organisiert regelmässig Garage Sale. Auf Flohmärkten spenden wir Sachspenden gegen Bargeld, um auf diese Weise regelmässig die Kassen aufzufüllen. Ein Carepacket für einen Flüchtling kostet täglich 5 TL – das entspricht 1,35 €.

Traurig aber ebenso Realität: Die Menschen überall auf der Welt sind der Flüchtlingssituation überdrüssig geworden. Vielleicht weil sie denken, im schönen Bodrum gibt es keine Flüchtlinge mehr. Vielleicht, weil sie bereits anderen Hilfsorganisation Geld gespendet haben. Tatsache ist aber, dass uns weiterhin Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und aus Indien erreichen. Nahezu täglich.

Nein, die Flüchtlingswelle ist noch nicht vorbei…

Ende Oktober versuchten erneut 70 Flüchtlinge auf einem acht Fuss grossen Schlauchboot von Bodrum auf die griechische Insel Kos überzusetzen! Laut Kent-TV-Net stoppte Bodrums Küstenwache die Flüchtlinge auf der Ägäis. Unter den Flüchtlingen befinden sich zahlreiche Kinder. Die Polizei der Küstenwache überstellte die Flüchtlinge nach Mugla der Immigrations-Behörde. Inzwischen sind die Flüchtlinge wieder in Bodrum. Sie leben bei der Bucht Aquarius im Freien. Frauen, Kinder und Männer sind stark unterernährt. Bodrum Humanity sind diese Flüchtlinge bekannt. Aufgrund unserer Erfahrungen wissen wir, dass sie erneut versuchen werden nach Griechenland zu kommen. Ja, die Flüchtlingswelle ist wenigstens in der Türkei noch lange nicht vorbei!

Foto: Kent TV Bodrum
Bodrums Küstenwache stoppte in den frühen Morgenstunden ein viel zu kleines Schlauchboot mit 70 Flüchtlingen und überstellte Männer, Frauen und zahlreiche Kinder der Migrationspolizei in Muğla.

Wer Bodrum Humanity mit einer Spende unterstützen möchte, findet hier die Möglichkeit dazu:

http://www.bodrumdainsancayasam.org/

http://beanangel.direct

www.childrightsmanifesto.eu

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