„Sag mal JayJay, so eine hübsche Frau wie du – hast Du keinen Mann?”

Lehrstunde für das deutsche Mädel!

Wenn sich türkische Nachbarn sorgen…

„So eine hübsche Frau wie du“ – meint der mich?

Eine kleine Schmunzette – nicht mehr, nicht weniger – aus meinem türkischen Leben, die mich herzhaft zum Lachen und überraschend ein wenig in Verlegenheit brachte, an der ich Euch gern teilhaben lassen möchte. Es ist doch wunderbar zu wissen, dass sich Nachbarn um das Wohlergehen einer Single-Lady sorgen…

Dieser Tage war ich bei meiner Nachbarin Sema und bei ihrem Mann Murat spontan zur vorgerückter Stunde zum kleinen Dinner eingeladen. Ihre deutsch-türkische Verwandtschaft aus der Nähe von Münster machten gerade eine Woche Urlaub in Bodrum. Hurra. Endlich mehr von JayJay erfahren, die seit April in der Mahalesi Manzara lebt. Zwischen einem Glas Jack Daniels, des Türken zweites Lieblingsgetränk nach Rakı, schwarzen Oliven und diversen Käsesorten, fragte mich Murat’s Schwager Keman (48): „Sag mal JayJay, so eine hübsche Frau wie du – hast Du keinen Mann?“

Ich hatte gerade eine Olive im Mund, die mich davon abhielt einfach schallend los zu lachen. Was wird das jetzt geben? Ich versuchte ernst zu bleiben und antworte eher beiläufig: „Nö, Keman. Ich habe keinen Mann!“

Irritiert schaute mich Keman an und fragte: „Echt nicht? Alles klar bei dir so? Du brauchst doch einen Mann, JayJay?“

„Doch, doch, Keman. Bei mir ist alles klar! Ich fühle mich glücklich in meinem Leben so wie es ist.“
Skeptisch zog Keman die Augenbrauen hoch und erklärte mir: „Sieh doch mal die Vorteile! Dann hast Du auch immer einen Handwerker in der Nähe, der dir zur Hand geht, wenn mal wieder was ansteht.“

Ach so? Ja? Ist das so? Während Keman weiter auf mich einredete, dachte ich beiläufig: Die meisten Männer in meinem Leben hatten zwei linke Hände oder sie waren mit diesen woanders im Einsatz! Ich nippte amüsiert an meinem Glas Wasser und antwortete dann: „Ich war schon zweimal verheiratet. Einmal mit einem Deutschen. Einmal mit einem Türken. Das reicht für dieses Leben.“

Keman übersetzte seinem Schwager Murat unseren kurzen Schlagabtausch, der mich verständnisvoll oder mitleidig  (wer weiss das schon so genau?) anlächelte aber nichts sagte. Dann betonte Keman mit vielsagenden Blick: „Wir können dir helfen! Das ist doch nicht schwer, einen Mann für dich zu finden!“ Während  Murat und Sema so taten, als wenn Keman und ich über nichts Wichtiges reden würden, überkam mich ein mittelschwerer Lachanfall. „Wirklich, Keman, ich suche keinen Mann. Wirklich nicht! Schau dir mal meine Messenger-Box an. An Anfragen mangelt es definitiv nicht!“

„Ach! Das sind doch alles Idioten. Das darfst du nicht so Ernst nehmen“, wiegelte er verlegen ab.
Seine Frau war da deutlich neugieriger: „Zeig doch mal, JayJay“. Keman wurde ärgerlich und sagte: „Das ist aber nicht gut, wenn eine so hübsche Frau allein bleibt in der Türkei!!! Du weisst doch, wie die Nachbarn hier so sind. Die haben immer was zu reden.“

Ach ja? Ach so! Ach dann – die lieben Nachbarn. Die haben ein Problem. Mit mir. Bis dahin wusste ich noch gar nicht, dass sich die ganze Strasse um mein privates Glück sorgt. Oder geht es hier mehr um Anstand – eben, was sich in der Türkei schickt und was eher nicht? Wer weiss das jetzt schon so genau. Und ganz ehrlich – sollen sich meine Nachbarn sorgen, deshalb muss ich doch nicht gleich unter die Haube?!!! Nein, bestimmt nicht. Aber egal: Sollen sie sich auch weiterhin unter- und miteinander um mein Privatleben sorgen. Ich will nicht alles wissen…

Ich bemühte mich darum, weiterhin entspannt zu wirken und antworte mit zuckersüße Stimme: „Den Nachbarn macht man es hier wie dort nie Recht. Allerdings hatte ich die ersten zwei Jahre nur tierische Nachbarn: Hunde, Katzen, Kühe, Emus, Ziegen, Schafe, Hühner, Gänse, Enten und so gar ein Pferd – und die alle interessierte es herzlich wenig, ob da nun ein männlicher Zweibeiner in meiner Villa Kunterbunt war oder eben auch nicht. Hauptsache das Futter war morgens und abends parat. Gerade weil ich keine Nachbarn hatte, ist mein Türkisch auch so lausig. Und bitte ja, ich wohne erst seit sechs Monaten in dieser Strasse.“

I love Snoopy!„Siehst du JayJay“, konterte Murats sympathische Schwager. „Noch ein wichtiger Grund, unbedingt einen Mann zu finden! Dann lernst Du ganz schnell türkisch.“
Ein Argument, dass ich immer wieder auch von türkischen Freundinnen höre: «Wenn du erst mal einen türkischen Mann hast, kommt das Sprechen ganz von allein.»
Genervt antworte ich Keman: „Da hast du sicherlich Recht. Trotzdem! Märchenprinzen fallen nicht von Apfelbäumen.“
„Ja, ja, genau, JayJay. Deshalb lass dir doch helfen. Wir können da was arrangieren…“

«Hilfe! Ich will hier raus», dachte ich in diesem Moment. Ich sah mich schon zu diversen Dinner-Arrangements laufen. Die Familie ist zahlreich anwesend und beäugt mich skeptisch wie ein Stück Vieh, damit die Frauen heimlich hinter meinem Rücken tuschelnd feststellen: Sie ist gross. Sie ist schlank. Sie ist gepflegt. Sie hat lange Haare – für ihr Alter sieht sie noch ganz passabel aus, a-b-e-r  kann die auch kochen und die Wäsche machen? Weiss Yabancı, wie ein türkischer Haushalt funktioniert? Wie man türkischen Kaffee kocht? In einem Satz: Ist diese Frau für unseren Sohn, Bruder, Enkel, Neffen, Cousin, Schwager oder besten Freund wirklich die Richtige??? Was? Sie arbeitet? Dann hat sie doch gar keine Zeit, die Kinder von der Schwägerin zu hüten, die Grossmutter ins Krankenhaus zu bringen oder zu kochen.

Meine Nachbarn wollen mich ehrbar machen. Nur eine verheiratete Frau ist eine gute Frau? Gedanken-Rock’n Roll à la JayJay. „Hör mal Keman, ich bin glücklich – auch ohne Mann.“
„Das gibt’s doch nicht, Jacqueline! Keine Frau ist glücklich ohne Mann. Hast du so schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht?“
O ha. Ich versuchte cool zu bleiben und wich seiner Frage aus: „Na ja. Der, der mir gefallen könnte, der muss erst noch gebacken werden.“ Diese Redensart kennt Keman nicht. Er fragt mich: „Gebacken? Was meinst du?“ Seine Frau reagiert blitzschnell: „Das sagen die Deutschen so…“

Snoppy for ever!Ich versuche es noch mal, diesmal aber entschieden deutlicher: „Keman, wirklich jetzt, der der mir gefallen könnte, müsste wenigstens 1.87 Meter lang sein, gross und stark wie Henning Baum, der deutsche Schauspieler. Du weisst schon – „Der letzte Bulle“. Genauso müsste auch sein Herz sein: gross, stark und gutmütig ganz ohne doppeltes Spiel. Er müsste mich eher wie eine Muse behandeln, der sich in jedem Moment durch mich inspiriert fühlt anstatt mich als seine kostengünstige Haus-Sklavin wahrzunehmen, die ihm die schmutzigen Socken und Schlüpper hinter her trägt und die ihm drei Mal am Tag das Essen auf dem Tisch serviert während sie dabei stets liebevoll und geduldig lächelt. Der, der mich erobern will, nimmt mich beispielsweise auf seine Segelyacht mit und erkundet mit mir die Welt gemeinsam und nicht etwa mit seinen besten Kumpels. Und er freut sich dann über meine kleinen Geschichten, die ich ihm abends bei einem Lagerfeuer am Meer vorlese, während er den Fisch grillt. Der, der mich in seinem Bett vernaschen möchte, der ist regelmässig beim Friseur und lässt sich die Haare aus den Ohren, der Nase und vom Rücken entfernen. Er weiss mich zu bezirzen und zu betören auch wenn ich mal schlechte Laune habe, anstatt einfach nur über mich rüber zu steigen zu wollen. Der, der mich wirklich für sich gewinnen möchte, der pupst nicht in meiner Gegenwart, sondern überrascht mich mit selbst gepflückten Blumen. Der, der mir zuhört und mich ausreden lässt – ja, sag mal, Keman: Kennst du so einen?“

Kemans Frau bringt es auf den Punkt: „So einen gibt es nicht. Weder in der Türkei noch in Deutschland!“ Nicht? Hmmmm. Erleichterung macht sich in mir breit. Keman nimmt einen kräftigen Schluck Jack Daniels zu sich und winkt dann mit einer Hand ab. „Ach du. Das hat keinen Zweck. Wir meinen es doch nur gut. Wirklich. Lass uns nächstes Jahr noch mal darüber reden, wenn wir wieder in Bodrum sind.“

„Ja, sicher doch Keman, vielleicht habe ich dann so gar schon einen Freund. Wer weiss das schon so genau. Alles ist möglich. Lass uns die prachtvolle Aussicht auf die Ägäis geniessen. Apropos: Wann kannst du morgen früh bei mir vorbei, um mit mir den Ikea-Schreibtisch zusammen zu bauen?“
„So gegen 10 Uhr.  Aber meine Frau kommt mit.“

Ufffff ja, was war ich glücklich als ich mich zu Hause in mein Kuschelbettchen zurück ziehen konnte – so ganz ohne Mann! Dafür mit Katzen-Lady Ginger…Gute Nacht!

 

 

 

 

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