Rekord-Regen in Bodrum an der Ägäis

JayJay’s Erlebnisbericht

Bodrum: Naomi Campbells Lieblings-Beauty & Spa-Salon Alin verwüstet

Seit April hatten wir keinen Regen mehr in Bodrum! Temperaturen von 38 bis 52 Grad Celsius prägten unseren Sommer. Und nun der erste sanfte Schauer, der die wohl ersehnte Kühlung mit sich bringen sollte. Zärtlich begann der Regen gegen zwölf Uhr mittags. Doch die Freude darüber liess spätestens zum späten Nachmittag nach, als ich am Camel Beach beobachten durfte, wie Wassermassen aus den Bergen ihren Weg auf den Strassen entlang bahnten, trockene Flussbetten in Sekundenschnelle zu reisenden Strömen machte. Abenteuerlich suchte sich das Wasser seinen Weg zum Meer.

Abgeschnitten von der Aussenwelt am Camel Beach

Der Strom fiel immer wieder aus. Die Internetverbindung ebenso. Und das ich in meiner „Villa Kunterbunt“ bis Mittwoch Morgen kein Wasser hatte, schien noch Ironie des Schicksals zu sein, denn viele andere in Bodrum hatten stattdessen viel zu viel Wasser in ihren Häusern und Ladengeschäften. Gegen 21 Uhr ruf mich mein Freund und Hamam-Besitzer Rasit Abak (60) aus dem Auto an und sagte: „JayJay, Du machst Dir kein Bild, was sich auf der Schnellstrasse von Ortakent nach Bitez abspielt. Die Strasse ist ein reisender Fluss. Ich stecke mit meinen Kindern seit fast zwei Stunden im Stau und es spielen sich dramatische Szenen ab. Parkende Autos werden von den Schlamm-Massen mitgerissen. Abwasserdeckel springen wie Tornados hoch – es ist furchtbar.“ Die Sirenen der Ambulanz und der Polizei übertönen schrill und hysterisch Rasits Erzählungen.

Meine Freundin Gabrielle Berndt aus Torba verrät mir via Messenger: „Ich habe das Haus heute nicht verlassen. Meine Schwiegermutter ist zu Besuch. Aber die Videos auf Facebook sind dramatisch.“ Als ich endlich wieder Internet habe, recherchiere ich und bin schockiert über die Ausmasse der Katastrophe in Bodrum.

So viel Regen in so kurzer Zeit soll die westtürkische Küstenstadt noch nie gemessen haben. In nur zwölf Stunden wurden 161 Liter pro Quadratmeter Regen registriert, über mehr als zehn Stunden begleitet von Blitz und Donner – ein neuer Niederschlagsrekord für den Touristenort an der ägäischen Küste, mit teils dramatischen Folgen. Schwerste Überflutungen in Bodrum.

Zwischen acht und 20 Uhr MESZ meldete die Wetterstation Bodrum zu jeder Stunde Gewitter. Von den Höhenlagen am Rande des Taurusgebirges schiesst das Wasser herab durch die Stadt in Richtung Mittelmeer:

https://youtu.be/W1Hl629AZUw

Das Chaos war perfekt!

Am Mittwoch Morgen sah ich auf Facebook dann Fotos von Alexander Kök (42) und seiner Frau Alin. Beide besitzen den Beauty & Spa Salon Alin im renommierten Einkaufszentrum Oasis. Kurz darauf telefonierten wir miteinander: „Meine Frau und ich hatten gerade Feierabend gemacht und fuhren mit dem Wagen in das blanke Wasser- und Schlamm-Chaos. Für sieben Kilometer brauchten wir fast zwei Stunden. Kaum waren wir zu Hause rief uns die Security an, um uns mitzuteilen, dass unser Beauty-Salon komplett unter Wasser steht und das wir sofort kommen müssten. Das Chaos war perfekt“, sagt der Österreicher immer noch atemlos.

Diverse andere Ladengeschäfte wurden in der Einkaufsmeile Oasis von den Schlammfluten ebenso zerstört. Im Akkord tragen Angestellte die Ware aus den Geschäften. Andere legen Schadensmeldungen an. Inventuren werden gemacht. Chefs telefonieren mit den Versicherungen. Die Versicherungen informieren: „Die Gemeinde kommt für solche Fälle auf. Es wird Abschlagszahlungen geben. Beauftragen Sie einen Experten, um den Schaden festzustellen. Für den Differenzbetrag werden wir vermutlich aufkommen.“ Erste Orientierung für viele Opfer der Natur-Katastrophe.

Alin Kök steht die Panik im Gesicht geschrieben. Ihr Mann Alexander Kök sagt mit ein wenig Zynismus: „Nur gut, das unsere Kundin Naomi Campbell bereits diesen Sommer schon da war.“ Dann fügt Alexander Kök an: „Aber unsere treusten und liebsten Kunden, die uns bereits seit vielen Jahren aufsuchen, müssen wir jetzt sofort kontaktieren und darum bitten auf unsere anderen Filialen auszuweichen. Wir wissen nicht, ob wir den Laden retten können. Vorsichtshalber gehen wir jetzt schon einmal auf Suche nach einer neuen Lokalität.“

Ausnahmezustand in Konacik, Bitez und Gümbet

Entlang der Üçkuyular Avenue, Atatürk Avenue, Dere Straße, Hamam Straße und der Cevat Sahit Straße stand das Wasser über zwei Meter hoch. Einige Fahrzeuge wurden mehrere hundert Meter Richtung Azmakbaşı Brücke mitgeschleift, siehe Videos, berichtet u.a. das Nachrichtenportal BGN News. Einige Motorräder seien sogar ins Meer gespült worden. Die Stärke des Hochwassers ist derart groß gewesen, dass einige Bürgersteige und der Asphalt auseinander gerissen und aufgebrochen wurden.

Im perfekten Chaos beweist sich grosse Hilfsbereitschaft

Der türkischen Such- und Rettungsgesellschaft (AKUT) ist es gelungen, viele Fahrer, die noch in ihren Fahrzeugen gefangen waren, zu retten. Auch Passanten griffen beherzt ein und zogen sie aus ihren Autos. Außerdem sollen mindestens 40 Menschen, die in ihren Häusern gefangen waren, gerettet worden sein. Nach bisherigen Kenntnisstand hat das Unwetter insgesamt acht Verletzte gefordert, die zur Behandlung in ein Krankenhaus gebracht wurden.

Yunus Karabaş (41) arbeitete fünf Jahre am Camel Beach im Restaurant Efem. Am Nachmittag schaute er noch bei mir auf einen Kaffee vorbei. Am Abend gegen 23 Uhr rief er mich mit müder Stimme an und fragte: „Ist bei dir alles okay, JayJay?“ Ich antwortete: „Ja, ja, bis auf die üblichen Strom- und Wasserprobleme.“ Dann sagte er: „Du machst Dir kein Bild, was sich hier abspielt. Unser Hotel Dilek ist komplett mit Wasser voll gelaufen. Schlamm-Massen haben die Appartements verwüstet. Wir mussten unsere Hotel-Gäste evakuieren. Wir stehen bis zu den Hüften im Schlamm. Das wird eine lange Nacht.“

Augenzeugen berichten, dass sie in Bodrum noch niemals eine derartige Katastrophe gesehen hätten. Die Stadt sei chancenlos gewesen. Binnen kürzester Zeit sei das Wasser zwei bis drei Meter angestiegen. Gott sei Dank habe es keine Toten zu beklagen gegeben.

Das habe ich anders in Erinnerung. Bereits bei meinen ersten Urlaub suchte uns ein Unwetter in der zweite September-Woche 2009 heim und schon damals spielten sich vor allem in Bodrum-Stadt ähnliche Szenen wie am Dienstag, den 22. September 2015 ab.

Hintergründe für solche Unwetter

Die Gründe für solche Katastrophen sind vorprogrammiert. Insider wissen das. Fehlende Kanalisation. Betonbauten ohne Dachrinnen. Flussbette, die viel zu schmal gehalten werden. Und der Bau-Boom, der keinerlei Raum-Grenzen kennt und der sich über jede Naturgegebenheit blindlings hinweg setzt, wird bei Unwettern gleich mehrfach bestraft, denn die Natur schreibt auch im Jahr 2015 seine ganz eigenen Gesetze!

Wie kam es aber zu diesen doch recht verbreitet auftretenden Unwetter-Ereignissen? Die brisante Lage wurde grundsätzlich bereits am Sonntag in unserem Weltwetter erklärt: Ursache für diesen riesigen Gewitterkomplex war eine „Blase“ kalter Höhenluft, die von Italien kommend zum östlichen Mittelmeer zog und sich dort nun quasi vor Ort auflöst.

Durch den hohen Temperaturunterschied zwischen noch warmer Wasseroberfläche (26 bis 28 Grad) und kalter Höhenluft (-12 Grad in etwa 5,5 km Höhe) konnte diese feuchte und energiereiche Luft leicht aufsteigen. Dazu befand sich auch am Boden ein Tiefdruckgebiet mit einer sich nur langsam ostwärts verlagernden Kaltfront. Damit waren die Voraussetzungen ideal für die Bildung eines mesoskaligen konvektiven Systems (MCS), also eines großen Gebiets mit sich zusammenschließenden Gewitterzellen, welches über Stunden hinweg existieren konnte.

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