Erneut 15 Flüchtlinge in der ÄGÄIS vor Bodrums Küste gekentert

Das Foto dokumentiert die Verzweiflung Alea's wieder. Ihre Flucht ist gescheitert. Hilflos muss sie mitansehen, wie das Schlauchboot untergeht.

Heute zum Wahl-Sonntag in Deutschland:

Ein Essay über meine Wahrheit der syrischen Flüchtlingssituation in der Türkei

 

Gestern Abend traf ich Andreas Toelke in Berlin Mitte der gemeinsam mit „Be An Angel e.V.“ seit einem halben Jahr syrischen Flüchtlingen in vielerlei Hinsicht zur Seite steht und der sich im höchsten Masse für Kriegsflüchtlinge engagiert. Er ist Journalist genauso wie ich. Was für eine Begegnung. Vier Jahre hatten wir uns aus den Augen verloren.

Er hilft syrischen Flüchtlingen in der Hauptstadt. Ich rette syrische Flüchtlinge aus der Ägäis direkt vor meiner Haustüre in Bodrum am Camel Beach, nehme sie heimlich bei mir Zuhause auf, organisiere Lebensmittel, Klamotten und ich schreibe zu 90 Prozent nicht darüber. Ich mag aber nicht mehr schweigen.

Jetzt – endlich – sassen Andreas und ich beisammen und tauschten uns über unsere unabhängigen Erlebnisse aus, die unterschiedlicher nicht sein könnten und doch haben sie etwas gemeinsam: Es geht um Menschen auf der Flucht vor Krieg, Terror und Bombenanschläge und um ihre Zukunft. Sie folgen nicht nur ihrem Verstand, sondern vor allem ihrem Herzen: „Unsere Kinder sollen in Frieden aufwachsen!“

Jeden Morgen, wenn ich mit meinem wilden Hund Gümüş am Strand spazieren gehe, weiss ich nicht was mich erwarten wird.

 

Ja, ich kehre glücklich nach Hause, wenn ich keine syrischen Flüchtlinge in der feuchten Morgenkälte zusammen gekauert in einem Schiffswrack unter Plastikplanen schlafend entdecke.

Ja, ich bin glücklich, wenn ich nicht schon wieder Berge von Schwimmwesten am Strand vorfinde oder winzige pitschnasse Kinderschuhe, Unterwäsche, Jeans, Pullover, Sandaletten und bunte Kopftücher.

Und ja, ich bin verdammt glücklich, wenn ich nachts nicht von schreienden verzweifelnden arabischen Hilferufe aus meinem Bett geschrien werde um im nächsten Augenblick blitzartig nach Pullover und Decken zu greifen, um nur 50 Meter von meinem Häuschen entfernt zum Meer zu sprinten, um dann wimmernden Kinder und weinende Frauen aus der Ägäis zu helfen.

Ich mag nachts nicht mehr erleben, wie schwarz gekleidete staatliche Bedienstete mit geladenen Kalaschnikows die Mandarinen-Plantagen und einsamen Buchten nach Flüchtlingen absuchen, um sie wie Vieh zu stellen, zu sammeln um sie dann in Busse an die syrische Grenze in den völlig überlaufenden Flüchtlings-Notunterkünften zurück zu bringen. Die Warnschüsse, die dann und wann in der Dunkelheit durch die Nacht knallen machen mir Angst.

Nein, ich will auch nicht länger nachts in der Stille vom Tuckern eines Fischerbootes wach werden, mit der verzweifelnden Frage die ich mir selbst stelle: Wirklich nur ein Fischerboot oder doch Flüchtlinge? Mich dabei selbst zu beobachten, wie das Hirn mir inzwischen Streiche spielt: Bleib im Bett liegen. Zieh doch einfach die Bettdecke über den Kopf, dreh dich um und schlafe weiter. Doch tatsächlich eile ich auf die Terrasse um mich zu vergewissern, dass es nur ein Fischerboot ist. Oft genug muss ich in die Gummistiefel springen und zum 50 Meter entfernten Strand sprinten, um einfach etwas ganz Selbstverständliches zu tun: Flüchtlingen helfen. Flüchtlinge retten. Flüchtlinge aus den nassen Klamotten helfen. Flüchtlingen trockene Klamotten zur Verfügung stellen. Ein Kaffee. Ein Stück Brot. Einen Apfel. Eine Banane. Und ein paar Lira in die Hand drücken, ehe sie von der Polizei abgeführt werden nur um wieder zurück an die syrische Grenze der überlaufenden Flüchtlingslager gefahren zu werden. Strand-Eigentümer wurden im Oktober 2015 aufgefordert, ihre Grundstücke durch grosse, schwere Eisentore zu schützen, damit die Flüchtlinge die Grundstücke in der Dunkelheit zum Strand nicht mehr betreten können.

Nein, ich werde mich niemals an diese Momentaufnahmen gewöhnen können. Und nein, diese Tatsachen an verzweifelnden Lebensumständen und -ereignissen verfolgen mich noch nicht in meinem Träumen. Dennoch: Es belastet mich zunehmend.

Ja, ich bin ein stiller Volontär bei Bodrum Bodrum Humanity, die inzwischen 1065 Mitglieder in Bodrum zählen. Ich bin nur eine von vielen, die regelmässig blaue Säcke oder Kartons mit Kleidungsstücken vorbei bringen, die mir Freunde mitgeben. Andere übernehmen Fahrten und holen Sachspenden ab. Viele spenden in Lebensmittelhäuser Gelder, damit Bodrum Refugees Bodrum Humanity Nahrung für die Flüchtlinge kaufen kann. Alles passiert leise. Unauffällig. Wir dürfen nicht auffallen, denn die Regierung sieht offensichtlich nicht gern, was Menschen wie du und ich jeden Tag leisten wollen.

Ja, es ist ein beklemmendes Gefühl mich jeden Tag selbst fragen zu müssen: schreibe ich über meine Erlebnisse oder lasse ich es? Wie sehr schade ich dem Tourismus an der Ägäis, wenn ich meine Fotos poste und meine Geschichten in die Welt schreibe? Wie sehr schade ich mir selber als deutsche Journalistin in einem Land das nicht meine Heimat ist. Ja. Ich lebe als Deutsche in der Türkei. Ich bin nur Gast mit (sehr eingeschränkten) Rechten, die für einen Deutsch-Türken in Deutschland undenkbar wären. Meine Freunde wissen, wie sehr ich das Land Türkei und seine Menschen liebe, dennoch: Es gibt Wahrheiten, die nun mal unbequem sind.

Verdammt noch mal, es ist für einen sehenden, hörenden und fühlenden Menschen oft nicht zum Aushalten, was die Regierungen unserer Länder uns Bürgern zumuten und vor allem uns tagtäglich abverlangen. Morgens, wenn ich deutsche TV-Nachrichten sehe, könnte ich gerade auf den Bildschirm meines Fernseher wie verrückt und wild einschlagen, weil ich diese Arroganz von Unwissenheit nicht länger ertragen will. Oder ist es vielleicht einfach nur pure Manipulation, um denen in Europa das Maul zu stopfen, die nicht länger wünschen, dass wir Flüchtlinge in Europa aufnehmen, weil sie sich vor den organisatorischen Arbeiten scheuen oder um Stimmen-Verluste bei anstehenden Wahlen zu vermeiden?

Meldungen wie in Spiegel Online heute wirken auf mich wie Hohn:

Flüchtlinge: Am Donnerstag kamen nur noch 92

Die Zahl der neu ankommenden Flüchtlinge in Deutschland nimmt offenbar rapide ab. In den vergangenen Tagen waren es einem Bericht zufolge unter hundert.

Ich vermisse die Hintergrundinformation, warum so wenige Flüchtlinge überhaupt noch ankommen. Es sind nicht weniger Flüchtlinge geworden, aber es wird alles unternommen damit die Flüchtlinge nicht mehr nach Europa durchkommen!

Ehemalige DDR-Republik-Flüchtlinge verdrängen heute gern die Tatsache, dass Syrien einst ein Bruderland für die DDR war. Syrer spendeten 1989 ihre Gehälter den DDR-Flüchtlingen an die UNO mit der Notiz auf dem Überweisungsformular: Für DDR-Flüchtlinge in Ungarn. Ja. Daran wollen heute viele nicht mehr erinnert werden. Wie schnell der Mensch doch vergisst.

 

Quelle: Die Welt vom 27. August 2015
Quelle: Die Welt vom 27. August 2015

Während syrische Väter im täglichen Istanbuler Rushhour-Wahn auf den Mittelstreifen der Highways Wasser, Rosen oder Selfie-Stangen an den vorbei rollenden Autofahrern verkaufen, spielen ihre Kinder unter Autobahnbrücken. Wegschauen ist einfach. Hinschauen löst Fragen aus. In Bodrum schicken Mütter ihre Kinder einkaufen, weil die Kleinen inzwischen türkisch sprechen und weniger auffallen, doch wer hinschaut sieht sofort: Ein Flüchtlingskind.

Und ja, das Fleckchen Erde, dass ich einst zu meinem Paradies auserkoren hatte trägt heute ein schweres Schicksal und hat mit Paradies schon lange nichts mehr zu tun.

Es ist eine besondere Fügung, dass sich Andreas Toelke und mein Weg inmitten der Wirren unserer aus den Fugen geratenen Weltordnung kreuzen. Viele meiner Freunde engagieren sich für Flüchtlinge in Deutschland, Österreich und in der Schweiz aber auch in der Türkei und in Griechenland. Sie alle machen das ehrenamtlich und sie alle werden Zeuge von Umständen, die tatsächlich belastend sind. Um so erschreckender ist es für mich, die bereits seit zehn Jahren nicht mehr in Deutschland lebt, feststellen zu müssen wie viel Deutsche AFD-Anhänger geworden sind. Heute sind Wahlen in Deutschland. Ich bin auf die Ergebnisse zum Abend gespannt.

Dennoch: So lange der Krieg in Syrien nicht beendet wird, fliehen weiterhin täglich tausende Menschen. Das sie in Europa nicht mehr ankommen ist reine Augenwischerei. Wir sehen sie nicht, weil alles getan wird, damit sie in Europa nicht mehr ankommen. Doch auch in der Türkei sehen wir sie deutlich weniger. Mit Lösung hat das nichts zu tun. Mit Einhaltung der Menschenrechte schon gar nicht. Es ist pure Augenwischerei, damit unser aller Gewissen manipuliert beruhigt wird.

Am Montag fliege ich nach Bodrum zurück und ich weiss nicht, was mich am Camel Beach erwarten wird. Noch weniger weiss ich, was noch alles kommen wird, aber allein einen Menschen in Berlin zu wissen, der anpackt, an Lösungen arbeitet, menschlich reagiert und keine Entschuldigung vorschiebt, um sich aus Situationen stehlen zu müssen weil ihm die Umstände zu anstrengend erscheinen ist ein erhabenes Gefühl, welches ich nach Bodrum mitnehmen darf. Diese Wiedersehens-Begegnung spendet mir für einmal seligen Frieden. Es tut gut, Verbündete wie Andreas in Berlin und viele andere in Europa zu wissen. Heute gilt mein Dank Dir, Andreas Toelke,  Be An Angel e.V. und seinen tatkräftigen Helfern, die nicht wegschauen sondern entschieden menschlich handeln.

 

Print Friendly
More from Jacqueline Jane Bartels

Hier ist ein Stück Deutschland zu Hause!

Kadir Uğur, CEO Bentour Reisen, verbrachte seine Kindheit zwischen Taksim und Tünel in...
Read More

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.