Die Türkei feiert den Tag des Befreiungsieges –  Zafer Bayramı

© Jacqueline Jane Bartels
Glücklich stehen Lima, Talia und Yahia vor der Amerikan Kültür Sprachschule in Ortakent Bodrum – ihr erster Schultag nach mehr als einem Jahr!
Bodrum, 30. August 2016

Davon träumen Rahaf und ihre drei Kinder Lima, Talia und Yahia aus Aleppo jeden Tag!

Frieden für Syrien!

"Was ist morgen für ein besonderer Feiertag in der Türkei", fragt Yahia aufgeregt.
„Was ist morgen für ein besonderer Feiertag in der Türkei?“, fragt Yahia (li. neben seiner Mama Rahaf) aufgeregt. Rechts sitzen Lima und Talia.

Gestern Abend sassen Mama Rahaf (32), ihre drei Kinder Lima (11), Talia (9), Yahia (8) und ich gemeinsam zum Abendessen auf der Terrasse in Bodrum Umurca – hier sind wir zu Hause. Yahia erzählte aufgeregt, dass die Amerikanische Kultur-Sprachschule alle Kinder am Dienstag zum grossen Sportfest auf den Fussballplatz einlädt. Ich fragte die Kinder: „Wisst ihr denn überhaupt, was morgen für ein besonderer Tag in der Türkei ist?“ Mit grossen Augen schauten sie mich an und schüttelten ihre Köpfe. Ich fragte Rahaf: „Weisst Du, was für ein besonderer Tag morgen ist?“ Die Mathematik- und Sportlehrerin aus Aleppo antwortete verlegen: „Nein.“

Der 30. August ist ein nationaler Feiertag in der Türkei – der Tag des Sieges! Er erinnert an den entscheidenden Sieg des „Başkomutanlık Meydan Savaşı“ im türkischen Befreiungskrieg unter der Führung Mustafa Kemal Paschas gegen fremde Besatzung und politische und wirtschaftliche Bevormundung. Der Kampf hatte die Gründung eines souveränen türkischen Staates ohne politische, rechtliche und wirtschaftliche Bevormundung durch andere Staaten zum Ziel. Ausserdem sollte ein gemeinsames türkisches Nationalbewusstsein unter den weit über 40 ethnischen Gruppen begründet werden, unter denen die Türken die größte bildeten. Aufgeregt fragte Talia: „O – und wir dürfen am Dienstag mitfeiern? Das ist toll!“ Währenddessen stupste Lima ihre Mama an und fragte leise: „Warum können wir nicht endlich Frieden in Syrien haben? Dann könnten wir alle nach Hause.“ Sanft streichelte Mama Rahaf Limas Haare und sagte: „Uns geht es gut in Bodrum. Das ist das Wichtigste, Lima. Iss jetzt, dein Reis wird kalt!“

© Jacqueline Jane Bartels
Wochenlang kämpfte Be an Angel e.V. dafür, Rahaf und ihre drei Kinder Lima, Talia und Yahia legal in der Türkei zu machen! Gelungen!

Am 25. Dezember 2015 ermöglichte unsere Berliner Hilfsorganisation Be an Angel e.V. Rahaf und ihren drei Kinder die Flucht aus dem Bombenhagel Aleppos über Beirut nach Istanbul. Hier lebten sie fünf Monate unter einfachsten Bedingungen in einem Haus im syrischen und kurdischen Ghetto Istanbuls eine halbe Stunde vom Flughafen Atatürk entfernt. Unten die Ziegen. Darüber Rahaf und ihre Kinder. Im Mai beschlossen wir die Familie nach Bodrum zu holen, weil es in der 18 Millionen-Menschen-Metropole Istanbul unmöglich war, eine Aufenthaltserlaubnis für die Familie zu bekommen. Seit dem 4. Juni 2016 leben nun Rahaf und ihre drei Kinder in meiner Wohnung und uns ist das gelungen, was 291 Syrern (!) seit dem 19. März im Raum Muğla verwehrt wird: Die Aufenthaltserlaubnis!

Ja, die Flüchtlingskrise ist noch lange nicht vorbei!

Wir erleben die Flüchtlingskrise in Bodrum hautnah und sehr vielschichtig. Nicht allen syrischen Flüchtlingen geht es so gut wie Rahaf und ihren Kindern, denn im Gegensatz zu den meisten anderen hat meine zauberhafte syrische Flüchtlingsfamilie ein Dach über den Kopf und geniesst drei Mahlzeiten am Tag! Das hat mir bisher jede Menge Ärger bei den Behörden beschert. Dennoch: Ich würde es immer wieder genauso machen. Aber dazu mehr in einem der nächsten Beiträge. Am meisten freue ich mich zurzeit darüber, dass ich mit der Unterstützung der Hilfsorganisation Help Them e.V. in Bodrum, Rahaf, Lima, Talia und Yahia zur Amerikan Kültür Sprachschule in Ortakent schicken kann. Seit dem 4. August besuchen sie mit grosser Begeisterung täglich die Schule und lernen im Akkord Türkisch, damit die Kinder ab den 15. September die türkische Schule besuchen können.

Doch zurück zu unserem Abendessen. Yahia fragte jetzt noch aufgeregter: „Was sagt man denn zu den türkischen Kindern morgen?“ Ich lächelte ihn zart an und antwortete: „Mutlu bayramlar“. Immer wieder plapperten die Kinder vor sich hin: „Mutlu bayramlar. Mutlu bayramlar. Mutlu bayramlar.“ Und dann fragte Talia: „Was heisst das denn, JayJay?“
„Frohes Fest!“ Yahia strahlte mich an und stellte die nächste Frage: „Frohes Fest? Gibt es denn Geschenke morgen?“
„Ja – das grosse Sportfest ist Euer Geschenk! Und wir gehen nach dem Essen in die Küche und machen kleine Zuckertüten für Eure Klassenkameraden fertig. Die bringt ihr dann morgen mit in die Schule und gebt jedem Kind eines und der Klassenlehrerin auch.“

Heute Morgen war Yahia – wie immer – der erste in der Küche. Er schaute mit Begeisterung in die grosse Zuckertüte und fragte mich mit grossen Kulleraugen: „Darf ich die gleich zur Schule tragen?“ Sanft lächelte ich ihn an und antworte: „Klar darfst du. Und was sagst du heute Morgen zu deiner Klassenlehrerin?“ Wie aus der Pistole geschossen antwortete er: „Multu bayramlar.“

Zucker für syrische Kinder in Bodrum!

In diesem Sinne wünschen meine syrische Flüchtlingsfamilie Rahaf, Lima, Talia und Yahia und ich allen Türken einen friedvollen Feiertag im Gedenken an den Sieg, der dem Land Frieden schenkte. Wir wünschen uns nichts sehnlicher als endlich Frieden für Syrien und für alle Länder dieser Welt wo der Krieg Menschen in die Flucht treibt und ganze Generationen der Zukunft beraubt.

Love and Peace!

Anmerkung:

Wer uns in unserer freiwilligen Hilfe für syrische Flüchtlinge in Deutschland und in der Türkei unterstützen möchte, wende sich bitte direkt an Be an Angel e.V. in Berlin. Herzlichen Dank!

 

 

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