Das Grubenunglück von Soma darf nicht das Schicksal unserer Jugend werden

Fotograf: Hakan Eren
Der BOYD und Bomek ermöglichen gemeinsam mit dem Hotel Temenos in Bodrum Ortakent 40 Jugendlichen im Alter von 17 bis 25 Jahren aus Soma eine dreimonatige Ausbildung im Hotelwesen.
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Ibrahim Doğan im Interview mit Harmoni-e-Chefredakteurin Jacqueline Jane Bartels.

Positive Nachrichten sind, wenn Unternehmen vereint jungen Menschen selbstlos und ehrenamtlich helfen! Ibrahim Doğan (54), ein deutsch-türkischer Hotelier mit deutschen Pass aus Aschaffenburg, stellt drei Monate kostenlos dem BYDO und Bommel sein Boutique Hotel Temenos in Bodrum zur Verfügung. Es dient bis zum 31. März als Hotelfachschule um 40 junge Frauen und Männer auszubilden. Sie kommen aus Soma.

Da wo Yener Braut (25) zu Hause ist, herrscht Arbeitslosigkeit, Verzweiflung, Ohnmacht und viel Wut. Sein Onkel ist nur einer von 301 Bergmännern, die am 14. Mai 2014 beim bisher grössten Grubenunglück in Soma ums Leben kamen. Yener Barat hatte Glück im Unglück. Eine Woche zuvor wurde dem jungen Elektriker sein Job im Bergwerk gekündigt.

Im Dezember 2014 trennte sich das Unternehmen Soma Coal Mining Company von weiteren 2.831 Bergmännern. Für eine Klein-Stadt wie Soma bei Manila mit rund 76’000 Einwohnern eine schwierige Situation. Jobs sind eine Rarität. Ausbildungsplätze? Hoffnungslos. Heute sagt Yener Barat: „Mein sehnlichster Wunsch ging in Erfüllung. Ich darf eine Lehre als Koch absolvieren.“ Tatsächlich ein kleines Wunder, wenn man weiss, dass 84,2 Prozent in der Hotel- und Gastronomie-Branche der Türkei keinerlei Ausbildung besitzen!

Hakan Eren
Bodrums Professionelle Hotel-Manager-Vereinigung und die Hotelfachschule Bomek ermöglichen das Projekt für 40 Auszubildende aus Soma.

Seine Freude teilt Yener Barat jetzt mit 39 weiteren Auszubildenden in Bodrum an der ÄGÄIS im Boutique Hotel Temenos, das rund 351 Kilometer von Soma entfernt ist. Möglich machte das vor allem der türkisch-deutsche Hotelier Ibrahim Doğan, der sein Hotel in Ortakent Bodrum spontan dem BOYD, Bodrum Profesyonel Otel Yöneticileri Derneğir / Bodrum Professionelle Hotelmanager-Vereinigung und der Hotelfachschule T.C MEB Bomek als Ausbildungsstätte kostenlos zur Verfügung stellte. Tarik Demir, General Manager der Hotelfachschule Bomek sagt: „Ohne Ibrahim Doğans Zusage, wäre unser Hilfsprojekt gescheitert.“

Lesen Sie hier das Interview mit Ibrahim Doğan

Wie erfuhren Sie von dem Hilfsorganisationsprojekt «Somas Grubenunglück darf nicht das Schicksal unserer Jugend werden», Herr Doğan?

Tarik Demir, General Manager der Hotelfachschule Bomek begeisterte mich mit der Idee, jungen Menschen in den Berufen Koch, Rezeptzionist, Bar-Mann/-Frau, Housemaid und Room-Services professionell und unentgeltlich auszubilden. Nach der dreimonatigen Lehrzeit werden Mitarbeiter des Tourismusverbands unsere Auszubildenden prüfen. Wer besteht, bekommt ein Zeugnis und Zertifikat mit dem er die Garantie erwirbt, einen unbefristeten Arbeitsvertrag in einem der Vorzeige-Hotels in Bodrum zu erhalten. Ich habe die Absicht 20 bis 25 der Absolventen dauerhaft in meinem Hotel zu übernehmen.

Was beinhaltet die Ausbildung?

Serra Çakman, Tarik Demir, Melike Arice, Neoiman Erdemir, Aysun Simsek, Yilmaz Boran und Hakan Samhal wurden als ehrenamtliche Lehrer engagiert. Die Hotelfachschule Bomben hat einen Stundenplan erarbeitet. Der Unterricht beginnt montags bis samstags um 6.30 Uhr und endet abends um 20 Uhr. Sie werden in allen Bereichen geschult – auch Englischunterricht gehört dazu. Referendare wie der populäre Schauspieler Neçat İşler, der bekannte Journalist Taifun Talipoğlu oder der beliebte Sänger Ali Şen halten Vorträge. Unsere Schützlinge müssen sich täglich mündlichen und schriftlichen Tests unterziehen. Die Ergebnisse hängen sichtbar aus. Nachmittags durchlaufen die Absolventen alle Stationen eines Hotels: Küche, Room-Services, Rezeption, Restaurant und Bar.

Was kostet die Ausbildung pro Auszubildenden für die drei Monate?

Für Lernmaterial fallen rund 2.400 TL, ca. 800 €, pro Schüler in den drei Monaten an. Die Verpflegungskosten sponsert das Windmühlen-Unternehmen Rüzgar Enerji, Herr Bertan Korkmaz. Die Reisekosten mit dem Bus übernimmt die Stadt Soma. Ausserdem erhalten die Jugendlichen ein monatliches Taschengeld in Höhe von 600 TL, 200 €. Unsere ehrenamtlichen Lehrer stellen ihre Freizeit zur Verfügung.

War es für das Projekt schwierig ein geeignetes Hotel zu finden?

Das Vorhaben war gefährdet, da kein Hotelier sein haus drei Monate unentgeltlich zur Verfügung stellen wollte.

Warum sagten Sie spontan Ihre Unterstützung zu, Herr Doğan?

Das Hilfsorganisationsprojekt «Das Grubenunglück von Soma darf nicht das Schicksal unserer Jugend werden» berührt mich. Mustafa Kemal Atatürk lehrte uns: „Unsere Zukunft sind unsere Kinder!“ Ich bin Vater einer 24-jährigen Tochter, der ich in Deutschland die beste Ausbildung mit auf den Weg geben konnte. Ich weiss, wie schwer es unsere Jugendchor allem immer noch in ländlichen Regionen der Türkei hat einen guten Ausbildungsplatz zu finden. Ich freue mich, etwas dazu beitragen zu können, jungen Menschen eine Perspektive geben zu können.

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Mit grossen Augen schaut der Azubi dem Chefkoch beim Flambieren zu.

Wie erfuhren Somas Jugendliche von diesem Projekt?

BYOD und Bomek wandten sich an den Landtagsabgeordneten von Soma, der das Projekt genehmigte. Er beauftragte das Arbeitsamt und lokale Zeitungen offizielle Ausschreibungen zu machen. Es bewarben sich innerhalb weniger Tage spontan mehr als einhundert Jugendliche.

Nach welchen Kriterien wurden die Jugendlichen ausgesucht?

Dem BOYD und Bomek war es vor allem wichtig, dass die Jugendlichen bereits Erfahrungen in der Gastronomie oder im Hotelwesen vorweisen konnten.

Wie alt sind die Auszubildenden und mussten die jungen Erwachsenen ihre Eltern fragen, die kostenlose Ausbildung annehmen zu dürfen?

Die Jüngste ist 17 und der Älteste ist 25 Jahre jung. Das ist eine Frage des Respekts. Die meisten Eltern haben allerdings sofort und überzeugt zugestimmt.

Leiden die Auszubildenden an Heimweh?

Das kam in den ersten zehn Tagen tatsächlich vor. Drei unserer Schützlinge plagte das Heimweh so sehr, dass wir sie nach Hause schicken mussten. Allerdings gaben wir drei anderen Bewerbern die Möglichkeit doch noch in unser Ausbildungsprojekt nachzurücken.

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Für einige Azubis liegt die Schule Jahre zurück. Sie müssen das Lernen neu lernen.

Wie fühlen Sie sich in Ihrem Hotel jetzt, das zurzeit einer Hotelfachschule gleichkommt?

Es vergeht kein Tag an dem ich nicht gerührt bin. Diese jungen Menschen sind so liebenswert, bescheiden, unerfahren aber gleichzeitig voller Neugierde und hoch motiviert. Ich empfinde es als Pflicht ein Stück von meinem Wissen und von meiner Begeisterung für den Beruf des Hoteliers weitergeben zu können. Aber sprechen Sie doch selbst mit unseren Schützlingen, Frau Bartels.

Fatma Gül Ay (22) studierte zwei Jahre lang Tourismus in Uşak, das an der Grenze zwischen der Ägäis Region und Zentralanatolien liegt. Anschliessend arbeitete sie vier Monate in Fettige als Kellnerin in einem Café. 

Fatma, haben Sie Ihre Eltern um Erlaubnis gebeten, die Ausbildung in Bodrum machen zu dürfen?

Nein. Ich bin bedauerlicherweise in einer gebrochenen Familie aufgewachsen. Das ist bestimmt der Grund, weshalb ich so ehrgeizig bin. Ich möchte unbedingt ins Ausland gehen, um Englisch noch besser zu lernen. Mein Ziel ist es, dass ich eines Tages Direktor eines Hotels werde.

Wie haben Sie von diesem Projekt erfahren?

Durch eine Ausschreibung des Arbeitsamts. Ich habe sofort angerufen. Sie baten mich gleich vorbei zu kommen. Ich kann mein Glück immer noch nicht fassen.

Was gefällt Ihnen an der Ausbildung besonders?

Tolle Lehrer. Spannende Vorträge. Anstrengende Tests. Intensive Arbeiten in allen Bereichen des Hotels. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich einmal in das wunderschöne Bodrum kommen darf, um eine Ausbildung im Hotelwesen machen zu dürfen.

Rabia Taşkın (21) studierte Mode und jobbte vergangene Saison sechs Monate in Antalya in einem Restaurant.

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Gespannt hören die Auszubildenden dem Lehrer zu.

Wie haben Ihre Eltern auf die Ausbildungsmöglichkeit zur Hotelfachfrau in Bodrum reagiert?

Sie waren angenehm überrascht. Meine Mutter hat mir gut zugeredet und ans Herz gelegt, unbedingt in der Küche eine Ausbildung zu machen, da gute Köche immer und überall gebraucht werden.

Und dürfen Sie eine Ausbildung als Köchin machen?

Ja doch! Allerdings, und das finde ich richtig gut, durchlaufe ich während der Ausbildung sämtliche Stationen des Hotel-Wesens.

Warum sind nur so wenige junge Frauen aus Soma hier?

Viele Frauen in meinem Alter sind sehr an ihren Familien gebunden und haben Soma noch nie verlassen. Da gibt es Ängste. Das müssen wir verstehen und respektieren.

Was schätzen Sie an Ihrer Ausbildung, Yüksel?

Die Vielfalt an Lebensmittel! Viele Produkte lerne ich jetzt erst denen. In Soma ist die Auswahl eher bescheiden und sehr regional. Es macht mir grosse Freude den Umgang mit Lebensmittel zu lernen.

Sind Sie allein hier?

Nein, ich bin mit meiner Verlobten hier. Unsere Eltern haben sich sehr über die Ausbildungsmöglichkeit gefreut und gemeinsam beschlossen, dass wir beide nach Bodrum kommen dürfen. Vorher mussten wir uns hoch offiziell verloben, damit alles seine Ordnung hat.

Wie stellt sich Ihr Verlobter und Sie die die Zukunft vor?

Wir streben einen hervorragenden Abschluss an, damit wir im Boutique Hotel Temenos einen festen Arbeitsvertrag bekommen. Sollten wir das erreichen, dann werden mein Verlobter und ich heiraten, um uns gemeinsam in Bodrum eine Zukunft aufzubauen.

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Sie freuen sich über die einmalige Chance eine Ausbildung im Hotelwesen machen zu dürfen.

 

40 junge Menschen aus Soma werden schon bald mit einer abgeschlossenen Ausbildung einen festen Arbeitsvertrag unterschreiben dürfen. Die Hotels in Bodrum profitieren von geschulten Mitarbeitern. Die Gäste geniessen einen professionellen Service. Eine Win-Win-Situation für den Tourismus, das Schule machen sollte.

 

 

 

 

 

Biographie Ibrahim Dogan

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Harmoni-e Ausgabe 04/Februar 2016

 

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