Bodrum – Wir können immer wieder anfangen!

© Jacqueline Jane Bartels
Fassungslos sitzt die junge Frau auf dem Bürgersteig. Mit beiden Händen stüzt sie ihren Kopf und schaut ungläubig auf die Fahrbahn und zu ihrem Auto. Ein Autofahrer eilt zur Hilfe, der vor allem erst mal prüfen will, ob sich der Unfallwagen entzünden könnte.

Mitten in der Rechtskurve überschlägt sich das Auto

Kismet! Die junge Fahrerin lebt. Nur das zählt…

Gerade noch hatte ich mit meiner Freundin Alev Sökmen einen kurzen Schlagabtausch auf Facebook und verabschiedete mich den Worten: „Mache jetzt einen Spaziergang zum Pet-Shop und hoffe, die Bewegung entspannt meinen sitzgeplagten Body…“
Mit dem iPhone, der Einkaufstasche und zwei kleineren Mülltüten bewaffnet, marschierte ich im Slow-down-Modus den steilen Weg zur Hauptstrasse hoch. Hier noch ein Blumen- und da noch rasch ein Burg-Foto, den Müllcontainer bereits im Visier, der sich direkt hinter dem Parkplatz des Hotels El Vino befindet. Ich geniesse die überraschende Ruhe. Endlich – die stundenlangen Rushhour auf dem Highway gehören vorläufig der Vergangenheit an. Alle Türken aus Istanbul, Izmir, Marmaris oder Ankara müssen nun auch wieder arbeiten. Der Sommer ist vorbei. Bodrum gehört uns Einwohnern wieder allein. Die Ruhe auf der Schnellstrasse erinnert an ein Bodrum längst vergangener Tage der 70er Jahre als dieser noch eher einem Trampelpfad glich. Während ich den Müll entsorge, nehme ich in der Ferne ein dumpfes Geräusch wahr. Gedanken verloren drehe ich mich um und erblicke plötzlich ein weisses Fahrzeug auf dem Dach liegend auf der gegenüberliegenden Fahrbahn. Völlig unwirklich wirkt dieser Anblick auf mich. Was ist passiert?

«Da liegt ein Führerschein!»

Die angenommene Entfernung des dumpfen Aufschlags ist tatsächlich gerade mal 50 Meter von mir entfernt! Ein Mann im gelben T-Shirt läuft aufgeregt den heran fahrenden Fahrzeugen entgegen und fordert sie mit einer flotten Handbewegung auf Abstand zu halten. Ein Airport-Bus unmittelbar hinter dem Unfallwagen blockiert die Strasse. Eine junge Frau sitzt auf der Kante des Bürgersteiges. Mit beiden Händen stützt sie ihren Kopf und schaut fassungslos zum Unfallauto. Zwei Frauen eilen herbei und reichen der jungen Frau Wasser. Aufgeregt und mit gestikulierenden Händen fragen sie das Unfallopfer, ob sie verletzt sei. Ein Mitte 40-jähriger Mann im hellblauen Hemd greift zum Handy und ruft die Polizei, deren Wache keine 200 Meter vom Unfall-Geschehen entfernt ist. Ein weiterer Mann im kurzärmligen Karo-Hemd läuft zum Auto um sich zu vergewissern, dass aus dem Wagen kein Benzin ausläuft. Wie im Trancezustand läuft der Mann einmal um den Wagen herum und bleibt fassungslos vor der Fahrertür stehen. Das Dach ist komplett eingedrückt und mit dem Fahrersitz eins geworden. Ich weiss, was er denkt: „Sitzt noch jemand im Wagen? Ist die junge Frau gefahren? Wie ist sie aus diesem Auto so unbeschadet raus gekommen?“ Ich sehe eine Fahrerlaubnis auf der Strasse liegen und rufe dem Mann entgegen: „Da liegt ein Führerschein! Bring den der jungen Frau. Sie wird den gleich brauchen. Unschlüssig, ob ich auf die andere Strassenseite rüber laufen soll, höre ich plötzlich das Martinshorn der Polizei. Keine zwei Minuten sind seit dem Unfall vergangen. Oder waren es doch eher fünf?

All diese Menschen auf der Strasse – wo kommen die auf einmal her? Eine Frau neben mir fängt an zu weinen. Was passiert mit unseren Gehirnen in solchen Extrem-Situationen? Und während ich das denke, entscheidet mein Unterbewusstsein: Einkaufen! Mit jedem Schritt den ich mich vom Unfallort entferne, mit jedem Schritt, den ich nach vorne setze, frage ich mich: Wie ist sie nur so schnell aus diesem umgekippten Wagen raus gekommen? Ich meine mich zu erinnern, dass die Beifahrertür weit geöffnet war. Ist sie da raus? Wie konnte es überhaupt zu diesem Unfall kommen? Diverse Hinweisschilder schreiben eine maximale Geschwindigkeit von 50 Km/h für diese kurvenreiche Strecke vor. War sie zu schnell? Musste sie abrupt bremsen, weil die Ampel auf rot schaltete? Packte eine Windböe das Auto seitlich? Hat sie so die Kontrolle über das Fahrzeug verloren?

Die Polizei hat gleich keinen leichten Job. Viele Zeugenaussagen. Jeder erinnert etwas anderes. Und jeder meint es richtig in Erinnerung zu haben und ich weiss definitiv: Den tatsächlichen Moment des Unfallgeschehens habe ich gar nicht mitbekommen. Zwischen Entledigen des Hausmülls, dem Wahrnehmen eines dumpfen Knalls und meinem Umdrehen dem Gehör nachgehend, war bereits alles passiert. Ich habe nicht gesehen, wie sich der Unfall ereignete. Ich weiss nicht, wie die Frau aus dem Wagen raus kam. Hat ihr jemand dabei geholfen? Was weiss ich eigentlich?  N i c h t s !

Dieser hilflose und verzweifelnde Anblick der jungen Frau trifft mich mitten ins Herz

© Jacqueline Jane BartelsEntlang der wild wachsenden Oleander-Sträucher schaue ich zur Johanniter St. Peters Burg und auf die ruhige Ägäis als ein Polizeiwagen an mir vorbei rauscht. Ich drehe mich noch einmal zum Unfallgeschehen um, mache wie selbstverständlich ein Foto und denke nebenbei: Mädel, du lebst. Nur das zählt, denn so lange wir leben, können wir jeden Tag neu anfangen. Ich stehe längst an der Kasse im Pet Shop, um den Thunfisch für Katzen-Lady Ginger zu bezahlen als die Kassiererin zum zweiten Mal zu mir sagt: „20 Lira, bitte.“ Mir will dieses Bild nicht aus dem Kopf gehen, wie diese junge Frau unter Schock so fassungslos auf dem Bürgersteig sass und zu ihrem Auto starte.

Auf dem nach Hauseweg hat die Polizei den Unfall längst gesichert. Die Passanten sind nicht mehr da. Der Verkehr fliesst jetzt wenigstens wieder einspurig. Ein Abschleppwagen fährt vor, um den Unfallwagen zu bergen. Und da sehe ich sie, die junge Frau. Immer noch sitzt sie an der selben Stelle auf dem Bürgersteig und starrt verzweifelt auf ihren Wagen. Es sind keine zehn Minuten vergangen zwischen Verlassen des Unfallorts und Einkaufen. „Vermutlich wird sie erst noch vernommen“, denke ich still. Dennoch: Dieser hilflose und verzweifelnde Anblick der jungen Frau trifft mich mitten ins Herz. Und meine Gedanken nehmen ihren Lauf.

Wie oft habe ich solche Schockmomente selber durchlebt?

Es war Oster-Samstag 1997 als ich meine Freundin nach einem Oster-Brunch über die Paulsborner Strasse in den Berliner Grunewald nach Hause fahren wollte. Viele Sorgen in meiner ersten Ehe hatten mich auf unter 50 Kilo abmagern lassen. Ich fühlte mich wie in einem Dauer-Vakuum der Verzweiflung und nicht wissen wie weiter und was tun. Meine Freundin spendete mir an diesem Vormittag Trost. Ja und genau an dieser Ampel Paulsborner Ecke Xantener Strasse, die mit einem Stop-Schild und einer Ampel zusätzlich gesichert ist, da war ich für eine tausendstel Sekunde so abgelenkt, dass ich dem Mercedes-Fahrer vor mir einfach folgte ohne wahr genommen zu haben, dass die Ampel bereits zu diesem Zeitpunkt deutlich gelb und als ich das Signallicht passierte längst leuchtend rot war.

In dieser Sekunde nahm ich Fussgängern den Passierweg, brachte Fahrzeuge von der rechten Strassenseite kommend zur Vollbremsung. Der junge Student, der von links kam in Fahrtrichtung Kurfürstendamm und gerade in seinem 15 Jahre alten Opel Corsa seine Matratze zügelte, der konnte mir nicht mehr ausweichen! Mit meiner Unachtsamkeit wickelte ich ihn einmal um den Laternenmast. Rums. Bums. Autsch. Damals schaute ich meine Freundin irritiert an und fragte: „Bist du okay?“ Sie war nicht angeschnallt und ich konnte sehen, dass sie durch die abrupte Vollbremsung einige Schrammen erlitten hatte.

„Bleib sitzen! Ruf die Polizei. Ich schaue, was mit dem Corsa-Fahrer los ist“, höre ich mich heute noch zu ihr sagen. Als ich mitten über die grosse mehrspurige Kreuzung lief, pöbelten mich zu Recht die Fussgänger an, denen ich das Überschreiten der Strasse unmöglich gemacht hatte. Wie im Trancezustand entschuldigte ich mich gleich mehrmals hintereinander: „Es tut mir leid. Ich hab‘ Euch gar nicht gesehen…“ Überglücklich, dass dem jungen Studenten Dank seiner Matratze im Auto nichts zugestossen war, eilte ich zu meinem Wagen zurück, um den Unfall mit Warndreieck zu sichern. Die Polizei liess sich Zeit.

Mit meinem Autounfall setzte ich anschliessend alles auf Anfang

Ich nutzte die Zeit, um meinen Exmann anzurufen: „Thomas, bitte komme zur Paulsborner Ecke Xantener Strasse. Ich habe einen schlimmen Unfall verursacht. Bring deine Kamera mit.“ Bis heute weiss ich nicht, wie mir dieser Fahrfehler, der mir immerhin von jetzt auf gleich 14 Punkte und ein Fahrverbot von vier Wochen bescherte (Stoppschild und rote Ampel missachtet, Fussgängern das Fussrecht genommen…), tatsächlich passieren konnte. Ich kann mich nur noch daran erinnern, wie ich das Blech zweier Karossen aufeinander krachen hörte. Alles andere erklärten mir später die Polizeibeamten, die den Unfall aufnahmen.

Es war der Tag, an dem ich unmittelbar nach Abschluss des Polizeiprotokolls meinen Exmann nach elf Jahren verliess. Ja, dieser Unfall führte mir schlagartig vor Augen, wie töricht ich war an einer Liebe festzuhalten, die mit Liebe schon lange nichts mehr zu tun hatte. Damals wie heute muss ich immer noch an diesen Moment denken, als ich diesen völlig unschuldigen Studenten mit seinem Corsa durch meinen Fahrfehler um die Laterne wickelte und das die Matratze tatsächlich wie ein Airbag seinen Körper von möglichen Unfallfolgen schützte: „Nein, JayJay. Schluss jetzt. Dein Unglück zieht völlig fremde und unschuldige Menschen mit ins Unglück. Steig aus. Morgen ist ein neuer Tag. Morgen beginnst du dein Leben neu. Ohne Thomas.“  Tatsächlich. Ich drehte mich nie wieder zu ihm um, egal wie sehr ich glaubte ihn tatsächlich noch zu lieben. 1999  – wurde ich geschieden.

Und die Moral von der Geschichte?

Tatsächlich: Lebe! Egal was ist, in jedem Ende steckt ein Anfang und es sind tatsächlich wir, die wir nur diesen einen Schritt nach vorne machen müssen, um unserem Leben eine völlig neue Möglichkeit des Seins zu verschaffen. Und mit dem einen Schritt nach vorne öffnen sich plötzlich Türen, die zu neuen Horizonten und Begebenheiten führen. Los lassen gehört genau zu jenen Eigenschaften, die den meisten Menschen schwer fallen. Mir auch. Wenn uns persönliches Glück und Besitz durch ein unvorhergesehenes Unglück genommen wird, empfinden wir das meist als Katastrophe und schmerzhaften Verlust. Entscheiden wir selbst bestimmt, uns von lieb gewordenen Dingen oder auch Menschen zu trennen, empfinden wir das als Bereicherung der innerlichen Befreiung und es macht uns glücklich. Das wird uns allerdings erst dann bewusst, wenn wir diesen einen Schritt nach vorne gesetzt haben. Verrückt so ein Hirn, nicht wahr?

Ja, diese junge Frau, die mein Leben heute so tragisch berührte, machte mich durch ihr Schicksal einmal mehr darauf aufmerksam, dass die meisten von uns auch weiterhin trotz Terror und Kriege, Klimawandel, Hunger und Flüchtlinge zuversichtlich unser Leben meistern dürfen. Möge die junge Frau ihren Schock schnell verarbeiten und sich darüber bewusst sein, wie viele Schutzengel in diesem einem Moment über sie wachten. Es war nur Blech. Der ist ersetzbar.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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